Mia Bernstein: Erdbeerflecken
Kennst Du den Plural von Liebeskummer?
Buchbesprechungen schüttle ich aus dem Ärmel. Das dürft Ihr Euch so vorstellen: Das Buch ist in zwei bis drei Stunden gelesen, die Besprechung in 20 – 30 Minuten geschrieben – fertig – nächste Aufgabe. – Wenn, ja wenn es um ein Fachbuch geht. Pro Jahr lese ich zwischen 100 und 300 Fachbücher. Auf je 100 bis 300 Fachbücher kommt ein Roman. Und genau hier beginnt das Problem der folgenden Buchbesprechung: im Lesen von Romanen hat mir manch 12jähriges Mädchen was voraus. Nun ist mir aber doch einer in die Hände gefallen, dessen Magie ich mich schon nach wenigen Seiten nicht mehr entziehen konnte und mochte. Er fordert eine Besprechung stärker ein, als die Klitschko-Brüder eine Revanche nach einer Niederlage durch einen Lucky Punch:
Eine Antwort auf Fragen wie die in der Titelzeile, gibt Mia Bernstein in den vierzehn Kurzgeschichten ihres Erstlingswerkes Erdbeerflecken beinahe beiläufig in unerwarteten Momenten. Kurzgeschichten die tatsächlich keine sind, weil sie auf verschiedenen Ebenen zu einer Reise durch die wundersame Welt der Protagonistin miteinander verwoben sind.
Die Illustrationen von Michaela von Aichberger spiegeln auf entspannte Art und Weise den Gegensatz aus minimalistischen Einwortsätzen in der einfachen Linienführung und den scheinbar spielerisch fließenden Gedankenströmen in der schwungvollen Formfülle wider.
Das Rot schmückt nicht nur die charmant-prägnanten Zeichnungen – es zieht sich mit symbolträchtigem Schwarz und Weiß (Kapitelüberschriften: „Rote Wand“ – „Lilien. Weiß“ – „Kaffee. Schwarz“), wie der sprichwörtliche Faden durch die teils süß, teils bitter, meist bittersüß servierte Mischung aus in Worte gegossenen Ideen, Ahnungen und Emotionen, die auch, aber längst nicht nur, von Liebe handeln. Kaum ein Satz, der sich nicht in Stein meißeln ließe und einen Augenblick später so wirkte, als stünde er schon immer dort.
Aus Erfahrung im Schreiben wissenschaftlicher Texte, weiß ich: erst mit der Zeit gewinnt ein Text an Tiefe. In Mia Bernsteins Fall heißt die Zeit Lebenserfahrung und sie komprimiert sie in Sätzen wie:
„Geschichte wird nicht neu geschrieben, nur das Werkzeug ändert sich.“
Art und Erzählstil ihrer Geschichten schüren den Verdacht, dass sie über einen sehr langen Zeitraum hinweg entstanden sind. Glücklicherweise hat das Lektorat diese kleinen Hinweise nicht glatt gebügelt. So hätte etwa ein aufmerksamer aber unerfahrener Lektor eine Änderung der Kapitelüberschrift „Rote Wand“ in „Wand. Rot.“ durchgesetzt. Auch ein Wechsel der Erzählweise von der ersten in die dritte Person nimmt dem Leser nicht die Ahnung eines autobiografischen Bezugs. Es scheint als wolle die Autorin die Spuren auf mannigfaltige Weise verwischen. So ist der Leser herausgefordert, Reihenfolgen zu erschließen, Zusammenhänge zu vermuten, zu erspüren – ein Schachspiel auf dem Spielfeld der Autoren-Seele…
Einen soften Einstieg gönnt uns Mia Bernstein nicht:
„Ich fuhr mit dem Zug, es war Nacht, kalt,
und ich suchte die Tür. Die Zugtür. Die
zum Leben hatte ich verpasst, aber das
wusste ich schon.“
Die Geschichte nimmt urplötzlich Fahrt auf. Es ist eine wilde, zutiefst emotionale Fahrt, bei der ich mehr als einmal aussteigen möchte und dann doch wie angewurzelt auf meinem Platz bleibe. All das Analysieren der Zeit- und Handlungssprünge, all das innerliche Fragen nach der Intention – es verblasst im Angesicht der unbändigen Ergriffenheit, der untrüglichen Präzision mit der ihre verbalisierten Gedanken immer wieder direkt ins Zentrum meines Fühlens finden. Einmal prasseln ihre Worte staccatoartig auf mich ein und ich möchte mich am liebsten hinter einer schützenden Wand verstecken, dann wieder umfließen sie mich in honigartiger Viskosität, die keinen inneren Widerspruch duldet.
Lange habe ich überlegt, ob und wie ich die Inhalte angemessen skizzieren soll. Wie soll das gelingen, wo beinahe jeder einzelne Satz des Zitierens würdig ist? Ansätze finden sich in den ersten Rezensionen im Netz:
Buchtipp von Wortfeilchen Barbara Piontek
(Danke Barbara, dass Du mir einige Worte heute Nacht direkt von meinem Laptop gestohlen zu haben scheinst. Ich habe neue gefunden.)
Sec’s Notizen: Erdbeerflecken auf meiner Seele
(„Erdbeerflecken ist kein Buch, das man analysieren, sezieren, wiegen und vermessen sollte. Dieses Buch muss man erfühlen. Dann hinterlässt es Erdbeerflecken auf der Seele.“ – In diesen drei Sätzen steckt alles, was man vor dem Lesen wissen muss.)
Erdbeerflecken bewegt. Es ist ein Buch, das mich auf eine Weise berührt, die ich kaum jemals einem realen Menschen zugestanden habe. Es ist eine Geschichte voller Leid und Trauer – nicht nur um Menschen – aber auch voller Kampfgeist und Hoffnung. Es ist vor allem eine Geschichte, die gelesen werden will:
Erdbeerflecken bei Wimbauer_Buchversand (hier wird zügig ausgeliefert)
(Oder Ihr bestellt es bei dem Buch-Dealer Eurer Wahl – Verlag: Klare Texte + Bilder; ISBN-10: 3980959953; ISBN-13: 978-3980959957 – und schwärmt ihm bei Eurem nächsten Einkauf vor, wie sehr er mit einem Extra-Stapel dieses Meisterwerkes sein Weihnachtsgeschäft ankurbeln könnte.)
Die Musik für „Erdbeerflecken – der Film“ bewegte sich zwischen Green Day und Carly Simon. In der Schlusseinstellung des Films müsste Mia Bernstein im klirrend kalten Winter am Strand sitzen, barfuss, dick verhüllt, den Kragen hoch, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, die brennende Spitze einer Zigarre gerade noch erkennbar und mit ihren Zehen die Antwort auf die Titelfrage in den feinen Sand schreiben…

eine wirklich gute besprechung, danke dafür und auch die für die autobiographischen anteile des besprechers. das hat mir gefallen.
ich habe das buch noch immer nicht, obwohl amazon sich schon lange drum kümmert. so lange, dass ich die bestellung gar nicht mehr im kopf hatte.
ich freu mich nun um so mehr drauf.
Hat doch prima geklappt. Ich habe immer ein paar Worte in Reserve, falls du Bedarf hast