Timeline-Kritik
Wo liegt der Fehler, wenn ich Tweets aus meiner Timeline kritisieren möchte?
In den letzten Monaten beobachte ich in meiner Timeline auf Twitter immer wieder einen vorhersehbaren Mechanismus bei Themen, die jeweils aktuell die Berichterstattung in sämtlichen Medien dominieren:
- Links mit Hinweisen zu Eilmeldungen, Augenzeugenberichte oder Retweets solcher, etc.
- In Tweets gefasste Emotionen zu den Geschehnissen
- Tweets, die die geäußerten Emotionen für unpassend halten oder die Person dahinter angreifen
- Erste Links mit Blogposts zum Thema (aktuelles, heiß diskutiertes Thema = viel Aufmerksamkeit), die ungezählte Kommentare generieren und zu Sekundär-Diskussionen auf Twitter führen
- Erste Meta-Tweets, die das Medium Twitter zur Bearbeitung und Diskussion für ungeeignet halten und mahnen, einen Gang runter zu schalten oder ganz zu schweigen
- Tweets die nach Meinung einiger (die sich etwas dazu zu sagen trauen) weit über das Ziel hinaus schießen
- Gegenreaktionen jeglicher Art (ich lasse mir nicht den Mund verbieten, blocke Euch alle, etc.)
- Die Tweets bezüglich des heiß diskutierten Themas werden mit schwindender Berichterstattung in den Medien seltener und ebben recht zügig ab, sobald die nächste Sau durchs Twitterdorf getrieben wird
Diese Aufzählung ist nicht vollständig und ließe sich sicher um einige Stufen erweitern. Auch passt die Reihenfolge nicht notwendigerweise. Mir scheint dieses Verhalten allerdings nicht twittertypisch sondern menschentypisch.
Worum es mir in diesem Beitrag geht ist nicht, diese Mechanismen anzuprangern. Sie gehören offensichtlich dazu. Mir geht es um einen anderen Gedanken, der durch einen Tweet von @mspro angeregt wurde:
Damit weist er wohl darauf hin, dass sich jeder Twitter-Nutzer seine Timeline (also die Twitterer, deren Tweets er liest) selbst zusammenstellt. Da hat er Recht.
Trotzdem bin ich bezüglich der These Timelinekritik = Selbstkritik anderer Meinung.
Zum einen stammen nicht alle – nennen wir es seltsame oder merkwürdige – Tweets direkt aus meiner Timeline, sondern gelangen z.B. als Retweet hinein. Nun könnte man ja sagen – wenn jemand, den Du Dir durch Folgen aktiv in die Timeline geholt hast, irgendeinen Schmarrn retweetet, dann hätte ich dem Retweeter eben auch nicht folgen sollen. Aber der Retweeter muss mit dem Urheber des Tweets ja längst nicht immer einer Meinung sein.
Die Zusammensetzung meiner Timeline ändert sich ständig, da ich immer wieder neuen Leuten folge und ab und zu auch welche entfolge. Mehr als einmal ist es mir passiert, dass ich jemandem aufgrund einiger unterhaltsamer Tweets folge, der erst bei einem solchen, viel diskutierten Anlass einen oder mehrere Tweets raushaut, bei denen es mir die Sprache verschlägt. Nun könnte ich ja, sobald das passiert, den Betreffenden flugs entfolgen. Das kommt vor, aber ich mache es in der Regel nicht.
Dafür habe ich vor allem zwei Gründe:
- Wenn derjenige es zu arg treibt (Morddrohungen oder Todesforderungen – “witzig” verpackt – sind längst keine Seltenheit mehr) möchte ich das lesen und gegebenenfalls auch andere darauf aufmerksam machen können. Wenn ich nachts in der U-Bahn einige Jugendliche sehe, die sich auf bedrohliche Weise einem einzelnen Schwächeren nähern, schaue ich eben auch nicht weg oder entziehe mich der Situation. Gerade als Stärkerer trage ich hier eine Verantwortung.
- Oft genug handelt es sich um einen Ausrutscher – gerade bei Twitterern, denen ich schon lange Zeit folge – für den sich der Betreffende später entschuldigt. Diese Entschuldigung entginge mir ebenso wie vielleicht noch viele anregende Tweets. Menschen sind schließlich nicht allein gut oder böse (Schwarz/Weiß-Denken), auch wenn wir alle schon mal etwas “Gutes” oder etwas “Böses” gesagt oder getan haben.
Generell halte ich es sogar für sinnvoll auch Menschen zu folgen, deren Meinung ich nicht immer teile und die ich gegebenenfalls auch kritisiere. Mein Denken ist wesentlich vielschichtiger und kreativer, wenn ich mich nicht nur mit Menschen gleicher Meinung und ähnlicher Denkrichtung umgebe.
In seinem Blogpost “Twitter Strangers” geht Jonah Lehrer (bekannter US-Blogger und -Autor) auf diesen Aspekt ein:
We try to understand this strange reply, which leads us to think about the problem from a new perspective. And so our comfortable associations – the easy association of blue and sky – gets left behind. Our imagination has been stretched by an encounter that we didn’t expect.
Natürlich gibt es dank der Listenfunktion auf Twitter auch die Möglichkeit Leute, deren Tweets wir eine andere Meinung entgegensetzen (kritisieren), aus unserer Timeline zu verbannen und via Liste weiter zu lesen. Das wäre aber nicht mein Weg. Ich würde auch nicht während einer Zugfahrt meinen Harry Potter in einen Businessbuch-Schutzumschlag stecken.

Bei Twitter, Facebook und Co geht halt nur alles oder nichts. Während man in anderen Sphären trennen, zum Beispiel den fachlichen Austausch pflegen und das Privatleben ignorieren kann (oder umgekehrt), sehen viele Dienste keine solche Trennung mehr vor.
Wenn man die Konsequenzen auf einer vermeintlichen Timeline-Kritik zeiht, sieht es wohl so aus:
http://nerds.computernotizen.de/2010/07/21/was-bleibt/
“Ich würde auch nicht während einer Zugfahrt meinen Harry Potter in einen Businessbuch-Schutzumschlag stecken.”
Schöner Vergleich.